Rede zur Ausstellungseröffnung „Sfumato“ , Jutta Schmücking

Die hier in der Ausstellung „Sfumato“ gezeigten Arbeiten von Karin Grießbauer hängen oder stehen frei im Raum. Ob hängend oder stehend, gemeinsam ist ihnen in dieser Präsentation das Nichtstarrgewordene, das Temporäre.

Durch leichtes Berühren der Bodenobjekte würden diese ihren derzeitigen Standort verändern; mit der Bewegung der Luft geraten die Tableaux ins Schwingen. Gewicht und Volumen scheinen in Frage gestellt.

Die Arbeiten möchte ich in verschiedene Werkgruppen fassen:
In einer Werkgruppe umspannt die Künstlerin die rechteckige Form mit transparenter Gaze. Spuren von Farbaufträgen und Handlungsgeschehen werden sichtbar oder Materialien, die ihre Beschaffenheit im Laufe von Zeit verändern werden, wie z. B. die mit Tesaband befestigten Rosenblätter, die dadurch wie eingefroren wirken.
Im Schwebezustand der Objekte wird deutlich, welche Wirkung die Durchlässigkeit der Gaze hat: Licht wird inhaltgebend beteiligt. „sfumato“ ist der Titel der Ausstellung. Sfumato bedeutet wörtlich: „mit weich verschwimmenden Umrissen gemalt“, eine andere Übersetzung lautet: „in Rauch aufgehen“. Wenn Formen ihren klaren Umriss aufgeben, dann geben sie gleichzeitig auch für den Betrachter den eindeutigen Sinn auf und werden mehrdeutig, Verunsicherung und Zweifel treten ein. Ein verändertes Sehen wird möglich, es führt zu anderen Inhalten und neuem Begreifen, eine Erweiterung also.

Nicht nur das Licht, auch der Betrachter wird zum „Handelnden“, denn Karin Grießbauer gibt dem Betrachter den Raum, der es ihm ermöglicht, eine Sicht auf das Tableau zu haben und durch es hindurch auf die Dinge, die im Umraum ihre Wirkung haben. Damit geschieht eine Verschmelzung der Dinge und Wahrnehmungen mit dem Raum und den Schauenden. Ein „sfumato“ im übertragenen Sinn, zeitlich begrenzt und wandelbar, also temporär.

Daneben gibt es eine Werkgruppe, die auf die Transparenz als Träger von Bildaussage und Bilderleben verzichtet. Nur ein Gefüge linearer Elemente bleibt und gibt Verweise auf Naturhaftes. Fragil und wie zufällig, doch gleichzeitig klar bestimmt sind diese Objekte, lassen Assoziationen zu, zeigen Handlungsspuren und weisen auf Gefundenes und Zufälliges. Mir scheinen diese Objekte Systeme einerseits zu verbinden, sie aber andererseits auch gleichzeitig wieder zu verlassen. Wieder begegnen wir dem Mehrdeutigen, dem Paradoxen, den Unsicherheitenund Irritationen, die dem „sfumato“ innewohnen.

Wenn wir nun die Bilder betrachten, die der tradierten Malweise verhaftet sind, also die grundierte Leinwand, so begegnet uns eine andere Ebene, in der die künstlerische Gestaltung sichtbar ist. Hier ist der Bildträger allein der Handlungsraum in seiner Zweidimensionalität. Transparenz des Materials bringt keine Erweiterung. Pastos ist der Farbauftrag auf festem Grund. Die Spur des Arbeitens ist sichtbar und zeigt den Gedanken und die Emotion. Die Farbmasse ist teilweise reliefartig, lässt damit Kratzer und Verletzungen zu. Dann können Fixierungen notwendig werden, die mit Tesaband oder sogar mit den Metallklammern des Tackers ausgeführt werden. Mir scheint hier das Mehrdeutige des Tuns im Vordergrung: nicht die Heftigkeit des Klebens und des Tackerns allein, sondern auch gemeint ist das Gleichmaß der Wiederholung dieser gestischen Vorgehensweise.

Rosenblätter finden immer wieder Eingang in das künstlerische Werk von Karin Grießbauer. Eine Faszination geht von diesen Gebilden aus, die gefügt sind aus der geometrischen Form, die das transparente Band um die organische Form legt. Es begegnet sich Unerwartetes. Umrisse werden durch die Materialität diffus und der Eindruck von Einfrieren entsteht.
So sind auch die hier gezeigten Rosenblätter auf dem hängenden Papierobjekt, das wie ein Klappbild sein Inneres verbirgt. Der Betrachter muss aufmerksam um und unter diese Arbeit gehen, um dieses Werk – fast arte povera – sich zu erschließen.

Zu dem hängenden Klappbild finden wir stehend die Entsprechung; fast opulent im Gegensatz zu den vorher beschriebenen Arbeiten wirkt dieses Objekt:
Scharniere verbinden 4 beidseitig bespannte Keilrahmen. In eingerollter Weise ist die Arbeit zum Stehen gebracht. Wir haben eine äußere und eine innere Form, die den Raum in sich hineinzunehmen scheint. Rätselhaftes nimmt den Betrachter in Bann, zumal die farbigen Pergamenthäute, die sich über die Rahmen spannen, den Untergrund verbergen. Und doch finden wir durch kleine Zitate Aufschluss. Würde das Innere großräumiger aufgerollt, wäre der Blick frei auf eine starkfarbige, gestische Malerei, die an Landschaft denken ließe und anekdotisch das Moosknäuel den Verweis darauf gibt.

Als letztes nun die Installation, die Naturhaftes gesammelt zeigt und eine blaue Schnur in den Raum weisen lässt.
Ein Stilleben, das sich zusammensetzt aus Alltagsgegenständen, die dem Betrachter bekannt sind. Bilder dieses Genres beschreiben bekanntlich Personen bei ihrer Arbeit und geben ein Stimmungsbild in geschlossener Form.
Mit dieser Installation entfernt sich die Künstlerin von der tradierten Darstellungsart. Hier ist der Mensch präsent durch reine Abwesenheit. Verwiesen wird auf ihn durch die gewählten Gegenstände. Es ist eine Situationsbeschreibung entstanden, die den Arbeitsraum des nicht anwesenden Menschen zitiert und in den Raum greift, in dem der Betrachter sich befindet. In dieser offenen Form durchdringen sich vorhandene und nicht mehr vorhandene Räume, werden eins.

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